Der Schnitt von 1956 den ich Euch heute vorstellen möchte ist aus einem total neuen und innovativen Material – Zumindest für die Verhältnisse von 1956. Hier kommt das Kleid aus Jersey

„Unterhaltung, Mode, Handarbeit“ , verspricht das Günther Modeblatt vom Oktober 1956. Und unterhaltsam lesen sich die Artikel und Werbeanzeigen heutzutage auf jeden Fall. Dieses Magazin ist mein absolut liebstes Nähmagazin aus den Fünfzigern, denn es enthält sehr viele Näh- und kaum Strickprojekte und außerdem fast ausschließlich Damenmode. Und genau aus diesem Lieblingsheft kommt mein Schnittmuster der Woche: 

Das Bild erinnert mich ein bisschen an Joan aus „Mad Men“. Ich gebe es zu, ich habe die Serie nie fertig geschaut, weil mir diese Liebes- und Beziehungsgeschichten dieser ollen Marketingfuzzis doch etwas zu langweilig waren, aber die Kostüme sind einfach klasse. 

Der Jersey von 1956

Wenn ich heute an „Jersey“ denke, habe ich einen leichten, elastischen Strickstoff vor Augen, meist aus Baumwolle oder Kunstfasern. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass es sich bei dem hier erwähnten „Jersey“ um ein vergleichbares Material handelt. Daher habe ich ein bisschen recherchiert, was es mit dem Jersey von 1956 auf sich hat.

Jersey wurde ursprünglich aus Wolle hergestellt. Der Name stammt vermutlich von Jersey, der größten und bekanntesten der Kanalinseln, die seit dem Mittelalter als wichtiger Exporteur für Webwaren gilt.[2] Die britische Society-Dame Lillie Langtry wurde 1878 durch ein von John Everett Millais gemaltes Bild berühmt, das sie in einem einfachen schwarzen Kleid zeigt, gefertigt von einer Näherin auf Jersey.[3] Ihr Stil erfreute sich in der viktorianischen Gesellschaft großer Beliebtheit und erhöhte die Nachfrage nach Jerseystoffen. Den Durchbruch – auch in der Haute Couture – schafften die Kollektionen von Coco Chanel. Sie gebrauchte häufig baumwollene Maschinentrikotstoffe;[4] zuvor wurde Jersey nahezu ausschließlich für Unterwäsche verwendet.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jersey_(Stoff)

Während der Stoff hier in diesem Artikel von 1968 als „Material des Jahrhunderts“ gefeiert wird, findet er sich in den Nähanleitungen der Fünfziger Jahre nur selten wieder. In der amerikanischen Vintage-Mode entdecke ich ihn hingegen häufiger. Meine Theorie ist daher, dass Jersey im Nachkriegseuropa nicht so gut verfügbar war.

Und wie wird das genäht?

Das Kleid mag aus einem leicht zu verarbeitetenden Material sein, leicht zu nähen ist es aber nicht. Besonderes Detail sind die akuraten Steppnähte am Ausschnitt und den Taschen, für die es wirklich Geduld und eine sehr ruhige Hand an der Nähmaschine braucht. Die sehen nämlich nur gut aus, wenn die Abstände wirklich exakt gleich sind. Und es kommt noch ein Schwierigkeitsgrad hinzu: Dank der Steppnähte ist der Ausschnitt nicht mehr elastisch, weswegen das Kleid am Rücken einen Reißverschluss hat. Dort müssen die Steppnähte dann exakt aufeinander treffen. Laut Anleitung wird der Stoff im Schulter- und Halsbereich außerdem beim Nähen leicht gedehnt, was das akkurate Absteppen später nochmal erschwert. 

Das war wohl auch für die fähige Hobbyschneiderin von 1956 eine schwierige Aufgabe, weswegen das Magazin empfielt, alternativ einfach Soutache (Bordüre) aufzunähen, anstatt das Kleid abzusteppen. 

Besonders interessant an diesem Schnitt finde ich die Art, wie das Kleid auf Figur gebracht wird. Die Ärmel sind angeschnitten und werden am Ärmelsaum durch einen kleinen Abnäher wieder schmal gemacht. Der Rockteil für vorne und hinten wird im Stoffbruch am Stück zugeschnitten. Er hat vorne 3 kleine Abnäher, einen an der Seite und einen hinten. 

Unter den Achseln wird ein „Zwickel“ eingesetzt, ein rautenförmiges Teil das vermutlich für Bewegungsfreiheit sorgen soll. Der Rock erhält seine Bewegungsfreiheit durch eine Gehfalte. 

Ein Alltagskleid für 2022?

Dieses Kleid ist vielleicht nicht ganz leicht zu nähen, es erscheint mir alles in allem aber ziemlich praktisch. Daher kann ich mir durchaus vorstellen, diesen Schnitt irgendwann mal zu nähen. Ich würde einen etwas dickeren Romanit-Jersey aus Baumwolle (mit Elasthan) verwenden, da der nicht so aufträgt wie der dünnere T-Shirt Jersey.  Damit wäre das Kleid ein perfektes Alltagskleid für die Arbeit oder lange Zug- und Autofahrten. Dank des Materials ist es knitterfrei und gut waschbar. Ob ich mir die Steppnähte wirklich antun will, weil ich die Herausforderung liebe oder ob ich lieber auf Borte zurückgreife, kann ich ja dann immer noch entscheiden. 

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