Das Wetter ist so grau und trist in dieser Februar-Woche, da träume ich mir mit diesem Vintage-Schnitt aus den Fifties ein bisschen Sommer herbei.

Ahoi, ihr Leichtmatrosen! Heute ist Segelwetter, Tretboot geht aber auch. Die Lady in diesem Kleid tritt und segelt sowieso nicht selbst, sie steht lächelnd hinten am Heck in der Sonne und hält in ihrer weißbehandschuhten Hand ein Bumensträußchen. Ich persönlich würde ein Glas Champagner bevorzugen. 

“Marineblaue Seide oder Musselin ist das geeignete Material für dieses schlichte Kimonokleid. Feine Querbiesen und schmale, weiße Spitzeneinsätze schmücken Oberteil und Tasche.”

Beyer’s Handarbeit und Wäsche Heft 5/1952

Direkt fiel mir bei diesem Schnitt ins Auge, dass wir hier endlich mal eine Materialangabe haben. Bei vielen Schnittmustern aus Fifties-Magazinen gibt es zwar eine Angabe über die Stoffmenge, nicht aber zur Stoffart. Daher wäre diese Frage direkt schon geklärt.

Wo sind denn diese Biesen?

Das dieses Kleid mit Biesen verziert ist, ist mir beim ersten Hinschauen und Drüberlesen gar nicht aufgefallen. Erst als ich die Beschreibung abtippte, fiel mir das Wort ins Auge und ich fragte mich: Na wo sind sie denn? Mit der Lupe konnte ich dann auf dem Foto ganz dezent zwischen den zwei Spitzenleisten auf den Taschen mit viel Fantasie ein paar Biesen erkennen. Womöglich finden sich auf dem Oberteil dann auch welche zwischen den Spitzeneinsätzen. Und wo wir gerade bei denen sind…

Wie näht man das eigentlich?

Dieser Schnitt ist nichts für Landratten! Wird er doch als “schlicht” beschrieben, so offenbaren sich Schnittmuster und Nähanleitung doch als reichlich kompliziert. Die Anleitung ist, wie so oft in Magazinen aus dieser Zeit, sehr knapp gehalten und lässt so einige Schritte aus, die damals wohl als selbstverständliches Nähwissen in den Köpfen einer jeden nähenden Hausfrau verankert waren.

Den Schnitt vom Vorderteil gibt es gleich zweimal, nämlich das “Grundmuster” und das “Vorderteil”. Soweit ich erkennen kann, sind auf ersterem die Spitzeneinsätze eingezeichnet und auf letzterem die Biesen. Was ich allerdings nicht erkenne: Braucht man das dann zweimal? Oder brauche ich das Grundmuster, um später die Einsätze richtig zu platzieren, nachdem ich die Biesen genäht habe? 

Teil 20 bringt dann direkt das nächste Rätsel mit sich, es heißt nämlich “Schulterstütze”. Was genau ist das? Der Vorläufer vom Schulterpolster? Wo und wie wird das eingearbeitet? Es gibt doch bei diesem Schnitt gar keine Schulternähte?

Fragen über Fragen, die ich aktuell nicht beantworten kann. Von “schlicht” kann da jedenfalls keine Rede sein. Dieses Kleid zu nähen ist jedenfalls eher Escaperoom als Tretbootfahren.


Ein paar weitere interessante Details hat der Schnitt dennoch zu bieten:

  • Der Kragen wird ohne Beleg an den Halsausschnitt gearbeitet. Bei einem hohen runden Halsausschnitt ohne Knopfleiste vorne wie hier, sieht das sicher auch gut aus.
  • Die unteren Abnäher am Vorder- und Rückenteil werden nicht spitz zulaufend genäht, sondern entweder kantig oder nach oben offen gelassen. Das lässt sich anhand der Zeichnung nicht so gut erkennen. Ich vermute aber, dass sie offen sind, um dem Oberteil einen etwas bauschigeren Look zu geben. 
  • Als hätten die Designer damals schon geahnt, dass die Smartphones immer größer werden, hat dieses Kleid gigantische, aufgesetzte Taschen. Ob die so vorteilhaft sind, wenn man nicht gerade superschlanke Hüften hat, mag ich bezweifeln.

Die Größe

Wie damals so üblich kommt der Schnitt nur in einer Größe, die am Maß der Oberweite, nicht in Konfektionsgrößen angegeben ist. Die Größe ist “OW: 92cm”

Im Gegensatz zu dem Magazin aus dem die Schnitte von letzter Woche stammten, gibt es bei Beyer’s Handarbeit und Wäsche zum Glück eine Größentabelle. Der kann ich entnehmen, dass “OW 92cm” einer damaligen Konfektionsgröße von 42 entspricht mit einer Taillenweite von 72 und einer Hüftweite von 100cm.

Wer Größer oder Kleiner benötigte, musste sich damals den Schnitt einfach abändern. Eine ausführliche Beschreibung der Größen von damals und wie man damit umging findest Du übrigens in meinem Beitrag mit allerhand Tipps zum Nähen von Vintage-Schnitten.

Der passende Gürtel ist übrigens nicht im Schnitt enthalten. Den muss man sich entweder aus einem Reststück selbst nähen oder einen passenden dazu kaufen. 

“Schlicht”, aber nicht “Einfach”

würde ich dieses Schnittmuster zusammenfassen. Als ich es zuerst sah, hatte ich nicht vor, diesen Schnitt jemals auszuprobieren, weil ich die großen Taschen nicht sehr vorteilhaft finde. Auch das weit geschnitte Kimono-Oberteil kann ich mir an den meisten normal gebauten Damen nicht vorstellen. Nun aber, da ich darüber geschrieben habe, packt mich doch die Lust, diesen Schnitt mal auszuprobieren. 

Zu meinem Glück ist der Sommer noch lang, zumindest lange hin, denn es ist aktuell noch nicht einmal Frühling. Bis dahin träume ich mal weiter von Sonne, blauem Wasser, Tretbooten und Champagner.

Wir sehen uns am See*

Eure Lasercat

*Das auf dem Bild ist übrigens weder der Bodensee noch das Meer, es ist der Wannsee bei Berlin 🙂 

close

Nähsüchtig?

Macht nichts, ich auch! Mit meinem Newsletter bleibst Du über aktuelle Posts auf meinem Blog auf dem Laufenden und erhälst einmal im Monat mein geballtes Nähwissen in Form meines exklusiven Monatsreviews!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

2 Comments on Vintage-Schnittmuster der Woche: Maritimes Kleid aus Beyer’s Handarbeit und Wäsche Heft 5/1952

  1. Liebe Lasercut,
    das Kleid mit den Biesen, da meine ich für die Nummer 20 eine Idee zu haben.
    Beim Schnittteil Nr. 16 ist oben eine gestrichelte Linie zu sehen.
    Dort würde ich Teil 20 verarbeiten, so daß die Rundung nach vorne zeigt, aber am Vorderteil nicht festnähen mit der Maschine, sondern max. mit ein paar Stichen von Hand befestigen.

    Solche Modezeitungen kenne ich noch aus meiner Kindheit.
    Zum Nähen kam ich erst etwas später. Aber mit ca. 13 Jahren habe ich mir Trägerröcke selbst genäht, mit Futter.
    Bin gehbehindert seit meiner Geburt und gekaufte Kleidung hat mir nie gepasst.
    Erst 1987 habe ich mir meinen ersten Jeansrock und eine Jacke dazu kaufen können. Ich war so glücklich.
    Dann habe ich mir meine Kleidung bei Ulla Popken gekauft.
    Die Qualität war sehr gut, aber leider hat es nachgelassen.
    Schlechtere Qualität und überhöhte Preise waren nicht mein Ding.
    Mal einen Pullover, das war es dann.
    Im Moment möchte ich mir wieder Dinge selbst nähen, denn immer Änderungen vornehmen, macht keine große Laune.

    Wenn Sie den Schnitt mit den Biesen doch noch nähen, wünsche ich Ihnen viel Spaß.
    Gruß S.B.

    • Hallo Sabine,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und die Tipps! Das motiviert mich, diesen Schnitt wirklich einmal auszuprobieren. Diese alten Nähanleitungen sind oft so knapp gehalten, dass ich oft nicht verstehe, wie die Teile gearbeitet werden. Es ist wirklich toll, dass Du Dich damit auskennst und schon seit so langer Zeit für Dich nähst.
      Gerade wenn einem die normalen Kleider von der Stange nicht passen, ist es großartig nähen zu können.
      Liebe Grüße
      Theresia aka Lasercat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.